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28.03.2006
GUTE REISE, HERR LEM

Leider starb gestern eine der faszinierendsten Persönlichkeiten zwischen Wissenschaft und Kunst: Stanislaw Lem *12. September 1921 in Lemberg, damals Polen; † 27. März 2006 in Krakau) war ein polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor.

Anstelle irgendwelchen sentimentalen Gebläses mögen hier die Zitate eines der klügsten Menschen Polens (gemessener IQ in der Kindheit 180!) für sich selber sprechen.
- Ich möchte aber bemerken, dass man nicht alles so überdunkel sehen muss, wie es im Folgenden erscheinen mag.-

"Unerhört schnelle Systeme begehen unerhört schnell Fehler."

"Es herrscht Chaos. Wir befinden uns auf einer Drehscheibe, die Richtung in die Zukunft ist noch nicht gefunden. Vielleicht muß diese Menschheit untergehen, damit eine andere entstehen kann. "

"Das Kabelfernsehen, das einem gleichzeitig vierzig Programme liefern kann, erweckt im Zuschauer den Eindruck, dass - angesichts der Menge - jedes andere besser sein muss als das gerade angesehene, man springt also von Programm zu Programm wie ein Floh auf einer glühenden Bratpfanne, was nur beweist, dass vollkommene Technik vollkommenen Frust erzeugt." - Eine Minute der Menschheit
07.03.2006
Wasser 50,4 kg
Fett 11,2 kg
Stickstoff 2,4 kg
Calcium 1,6 kg
Phosphor 0,8 kg
Kalium 190 g
Natrium 130 g
Chlor 120 g
Magnesium 33 g
Eisen 5,2 g
Zink 2 g
Kupfer 0,1 g
Bor 26mg
Kobalt 1,4 mg

Sieht nicht besonders spannend aus, was? Aber korrekt verrührt, ergeben diese Bestandteile einen ca. 70 kg schweren Menschen. So sieht das aus. Mehr braucht es nicht. Das Gehirn wiegt dann etwa 1400 g, was 2-2,5 % des Körpergewichts entspricht. Interessant: Beim Finnwal sind es zwar bis zu 7000g, aber nur 0,0045 % des Gesamtgewichts.
01.03.2006
WÜRZBURG AND BEYOND - NOTIZEN ZUR FRANKEN-TOUR
Eines vorweg: Ramona Schukraft war ohne Frage der Star unserer Mini-Tournee durch das geheimnisvolle Reich der Frrrangen. Handwerklich und emotional auf Zauberkurs, zeigte sie uns anderen, wo Bartels den Comedy-Most holt!

Dienstag
Champinzky in Würzburg
Florian Elvis Hoffmann und Kollege Martin haben hier ein Comedy-Kleinod etabliert. Ein Publikum, das noch nicht satt und bequem ist. Der Abend ist ein 90minütiges Kompliment an uns Freischaffende.

Mittwoch
DisHarmonie in Schweinfurt
An der Wand im Backstage-Raum hängt eingerahmt eine Schlagzeile aus der Lokalzeitung: „Schweinfurter erstickt an Schweinshaxe“. Für 4 Künstler steht hingegen nur ein Teller Gummibärchen bereit, damit soll wohl das Schlimmste verhindert werden. Während eines Spaziergangs auf der Suche nach Essbarem erfahren wir, dass der Bombenangriff auf Schweinfurt, gemessen an Material und Dauer, der größte im II. Weltkrieg gewesen sein soll. Wenn man sich die Stadt so ansieht, scheint es auch keine Überlebenden gegeben zu haben.

Donnerstag
Kinopolis in Aschaffenburg
Kinderfußball meets Comedy: Ein Rudel 11jähriger Kicker sitzt bei uns in der Lounge. Wahrscheinlich als Strafe für ein vergeigtes Pokalspiel gegen Oberschnupfbach-Trollingen. Jedenfalls haben die Kleinen so viel Spaß wie bei „Benjamin Blümchen zeigt euch das Soziologische Institut“.

Hernach fuhr ich mit dem Nachtzug alleine weiter bis nach Mainz, wo ich wunderbar in einer 6er-WG einquartiert war. Hier hieß es nun, Impro-WM-Luft zu schnuppern und Werbung für meine Gigs im Schiller und im Unterhaus zu machen.

Freitag
FGKH vs Nationalteam in der Showbühne Mainz
Mal wieder ein altes Kino, jedoch außer der Architektur kein fühlbarer Glam-Rest mehr. Hier hatte man kein Zutrauen in den Charme des alten Muffs. Schade eigentlich, denn nun sieht alles aus wie eine Krankengymnastik-Praxis. Einziges Highlight: Backstage-Garderobe mit einer Original-Atari-Spiel-Konsole aus den 80ern.
Technik-Wahn vor der Show, und mit 3 Musikern auf der Bühne: Jobst, Tom und ich. Auch sonst jede Menge Beteiligte. FGKH-Kollege Martin singt die Nationalhymne und die Muppet-FGKH-Hymne. Schauspieler: Sebastian, Claudia X von FGKH. Das Nationalteam:
Gunter Lösl, Inflagranti, Bremen
Kerstin Radl, Sechs auf Kraut, Nürnberg
Beate Fischer, Theatersport Berlin.


Samstag
FGKH vs Nationalteam in der Wartburg (Staatstheater) Wiesbaden
Jens, Frederik, Silke von FGKH gegen das Nationalteam
Der Gründerzeit-Charme des Saals erweckt echte Theateratmosphäre. Das Publikum (ausverkauft, ca. 200) nimmt irgendeine mir unbekannte Droge - la Ola, bis der Arzt kommt. Jobst, Tom und ich als das „Horst Schlüter Tanzorchester“ sind nun gut eingespielt und leisten Erstaunliches. Euphorisierendes Wiesbaden...
18.02.2006
KRITIK AM IMPROTHEATER
Habe am Donnerstag mal wieder von einem Profi Kritk an Impro-Amateurgruppen gehört: Die Riten können ganz schön nerven. Das Einzählen („5-4-3-2-1-los!“) oder ‚Auswinken’ aus einer Szene sind Hilfsmittel, die kein Publikum mehr braucht, also weg damit. In Nordamerika kommt man schon lange ohne aus. So weit der Kollege. Den Ritus den Rosenwerfens möchte ich aber in aller Form in Schutz nehmen. In der Schule hat man immer nur Schnee, Unrat und Federmappen nach mir geworfen, und das Rosenwerfen ist ohne Frage die zärtlichste Art des Publikums, meine Leistung zu honorieren. Was aber auch mich ziemlich ratlos macht, ist die Frage: „Wer hat noch nie Impro gesehen?“ Wer, bitte schön, geht denn zu einer Veranstaltung und weiß nicht, was da auf ihn zukommt? Oder gibt es beim Impro jetzt auch schon Abo-Kunden? Man stelle sich mal Bono von U2 vor: „Hello, Tokyo. OK Leute, wer von euch war noch nie bei nem Rock-Konzert?“
15.02.2006
Liebes Logbuch!
Bitte sei mir nicht böse, wenn ich Dich öfter alleine lasse. Kelvin hat viel zu tun, aber er denkt an dich. Jeden Tag. Er kümmert sich um Verträge oder komponiert fleißig für Kollegen, oder er ist eben einfach unterwegs auf Mission. Und wenn er kommt, bringt er Dir was Tolles mit, versprochen! Besonders Neuigkeiten. Dass Michael Jackson womöglich Gebete von Johannes Paul II. singen wird; dass nach einer neuen Untersuchung die Kühe tatsächlich mehr Milch geben, wenn sie täglich Mozart hören; dass Spex auch nach Berlin geht; oder dass die x-te Band aus "Haste-nicht-gesehen-und-willste-auch-nie" Knockin’ on Heaven’s Door gecovert hat.

Bands covern übrigens nicht nur Songs, weißt Du... Sie covern einfach alles: Klamotten, Einstellungen, sexuelle Gelüste – und vor allem Worte. 1000 Millionen mal kreischt der Onkel Frontman: „Seid ihr gut drauf?!“ Das ist gecoverte peinliche Schleimerei. Geil wäre daher die Antwort von 10 000 Leuten: „GEHT SO DANKE DER NACHFRAGE MUSS JA UND SELBER?“ Oder wir wär’s wenn Campino mal fragen würde: „Wie war eure Woche?“ Aber niemals!! Frontmänner leben doch egozentrisch in den Tag und akzeptieren außer dem eigenen Lullermann kaum einen Gesprächspartner.

Bands covern die Ansicht, nicht kommerziell zu sein.
Bands covern Covers von anderen Bands.
Bands covern.

Der meistgecoverte Satz einer Band, gefragt nach ihrer Stilrichtung: „Wir passen in keine Schublade.“ Soso. Ihr seid ja auch zu fünft. Warum auch? Ist dunkel und nix los da. Scherz beiseite, Rocker: Es ist eine durchaus berechtigte Frage, was für Musik ihr macht. Und mit ein bisschen Konzentration und Blättern im Spex kann man da immer was eingrenzen und dem Journalisten weiterhelfen. Der wird nämlich garantiert schlecht bezahlt und hat keine Lust, die halbe Nacht nach Adjektiven zu grübeln. Mal ehrlich: Gitarrenrock ist kein so schlechtes Wort fürs erste.

Ach, mein Logbuch, jetzt hab ich Dich schon wieder vergessen und mit den Rockern geschimpft. Und nun muss ich auch, ist spät. Die Morgensonne ruht auf dem Wasser im Hundenapf und die Börsen erwachen. Schnell weg jetzt in mein Non-Profit-Bett.
14.02.2006
LIEBE TOCOTRONICS! IHR SEID OK, ABER:
Der dümmste Albumtitel des letzten Jahres lautet: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Liebe Trockko-Tonics, ihr seid ja echt knuffig, aber wenn die Vernunft auf dieser Welt auch nur für einen Cent oder meinetwegen auch 0,7 Cent die Minute mal was zu vermelden hätte, dann wäre das verdammt noch mal ein Anfang. Nicht mal in der Medizin herrscht die Vernunft mit erwähnenswerter Konstanz. „Vernunft“ ist überhaupt DAS Ding. DER Stoff. Wenn ich den PUR bekommen könnte, da wär ich aber dabei! Die lasst mal schön siegen. Also nur weil ihr jetzt in dem Alter seid, in dem Dylan die Spiritualität entdeckt hat (und fruchtbar gemacht!), müsst ihr nicht auch in den Wald gehen.
06.01.2006
PLATTEN VOR GERICHT

Verdammtes Mist-Schicksal-Korks-Kismet-Fatz-Fatum! Gerade wollte ich auf dieser Page eine Rubrik mit dem Titel „Fucker; Fakten, Faxen: Was außer mir keiner über Pop-Songs weiß“ eröffnen, da muss ich beschämt zur Kenntnis nehmen, dass diese Idee schon einen Bart bis Berlin hat. Unterm Weihnachtsbaum fand ich das Buch „Pop-Splits“, eine Compilation von Texten, die auf dem Berliner Sender „Radio Eins“ vorgelesen wurden und die Geschichte hinter berühmten Popsongs erzählen. Dieses Buch ist ein echt kelvinistischer Schmöker! Voller Kenntnisse, mit denen man auf jeder Studenten-Party die Raucherinnen in der Küche abschleppt; Facts, die jeden in die Schranken weisen, der rock’n’roll-geschichtlich unsachlich wird; 200 Seiten pophistorisches Poser-Geschwätz.

UND ICH BIN NICHT DRAUF GEKOMMEN!!
Bzw. zu spät. Ich könnte jedes Mal in meine Polizeimarke beißen, wenn ich den ersten Satz des Vorworts lese: „Die Idee ist so naheliegend, dass es einen schon verwundert, dass noch niemand vorher darauf gekommen ist.“ DOCH! ICH! EHRLICH!
Na jedenfalls steht dieses Buch ab sofort auf Platz 1 der Leseliste des Musik-FBI, und jeder Special Agent ist angehalten, es auswendig zu kennen. Ausnahme ist natürlich J.L. Schlüter, der sich schon genug durch die Beatles-Anthology geackert hat und sowieso jede wichtige Rock-Platte in den Grundzügen ihrer tontechnischen Philosophie erörtern kann.

KLUG GESCHISSEN – MUSS MAN WISSEN
Aber wer bisher noch nicht wusste, dass Sting mit dem „Englishman in New York“ keineswegs sich selber besang, oder wer die tragische Wahrheit hinter solch harmlos säuselnden Schnulzen wie „Sweet Sixteen“ von Billy Idol erfahren will, der muss hier seine Hausaufgaben machen! Wer war die Lady d’Arbanville? Wann zog der Smoke über’s Water? Lebt der alte Holzmichel noch? Man lese das meiste nach in:

Bruder, Frank (Hg.): „Pop-Splits – Die besten Songs aller Zeiten und ihre Geschichte“, 3. Aufl., Berlin 2005. (Aufbau Taschenbuch-Verlag).

Und dann noch zur allgemeinen Kenntnisnahme: Ich KANNTE bereits, die Story hinter „What’s the frequency, Kenneth“ von R.E.M.! Meine Quelle ist das Buch: „Elektronen gibt es hier nicht – Elektrizität für coole Köpfe“ von Kenn Amdahl (S. 160f.)
12.12.2005
ALFRED E. NEUMANN – GEDÄCHTNIS – RÜLPSER
Bielefeld, 8.12. 2005
Nach einem äußerst erfreulichen Gig im Dreierpack mit Ramona Schukraft und Martin Reinl ließen Ramona und ich uns wider besseres Wissen noch zu einem Umtrunk in Bielefelds gemütlichster Kneipe einladen. Ich hätte es wissen müssen... Mit 2 berüchtigten Mitgliedern der MAD-Redaktion saufen zu gehen, davor hatte mich meine Mutter schon immer gewarnt. Ralf Ruthe und Thomas Milse, die Nachfolger von Don Martin, Sergio Aragones (der glücklichweise noch putzmunter ist, wie man mir versicherte!)u.a., hatten noch einen geheimen Verbündeten: den Gastro-Pedanten Savas! Ramazotti darf nie wieder literweise in die Hände eines schank-berechtigten Griechen gelangen – w-ü-r-g- #$§!
15.11.2005
Der folgende Artikel erscheint im Dezember in der „Traumfabrik“-Ausgabe des Magazins „TagesSatz“. (www.tagessatz.de)


SOUNDDESIGN – HOLLYWOODS GEHEIMWAFFE

Der größte Feind der Kino-Illusion ist der Kinosaal. Wenn auf der Leinwand ein Monster das andere jagt, gibt es Momente, in denen man die Illusion der Bilder durchschaut und sich des Kinosessels bewusst wird, in dem man sitzt. Um das zu verhindern, zückt Hollywood seine größte Geheimwaffe: das Sounddesign.

Am Ohr hängt die Seele, hat ein Wissenschaftler gesagt. Und Recht hat er: Akustische Reize sind nämlich ruck zuck im Zwischenhirn, wo die emotionalen, und körpergebundenen Funktionen des Gehirns angesprochen werden. Das Auge ist ein eher analytisches Organ, da wird viel an Daten ausgewertet, bevor ein Endergebnis als Bild vor unserm Geist entsteht. Und das ist oft nicht mal korrekt. Diesem Umstand verdanken wir, dass Film funktioniert. Mit lächerlichen 24 Bildern pro Sekunde wird dem Gehirn vorgefuchst, dass sich da etwas bewegt. In Wahrheit betrachten wir eine sehr schnelle Diashow.

SCHMATZEN, GLUCKSEN, SCHWABBELN
Als Filmemacher anfingen, Aliens, Saurier und Schleimgetier aus Latex oder Pixeln zu erschaffen, wurde eine Sache schnell klar: Der Sound entscheidet darüber, ob das Monster zum Weglaufen oder zum Kuscheln animiert. Ein Alien geht uns erst dann an die Nieren, wenn es auch akustisch überdimensional schmatzt, gluckst und schwabbelt. Das bedrohliche Grunzen schraubt man im Tonstudio am besten mit Frequenzen unterhalb von 30 Hz zusammen, denn je tiefer die Frequenz, desto höher der Puls beim überrumpelten Kinozuschauer. Panzer oder Urzeit-Monster etablieren ihren Schrecken durch tiefstes Dröhnen. Leider müssen in diesen Szenen die Lautsprecher des heimischen Aldi-Fernsehers passen. Der neumodische 5-Kanal Dolby-Surround-Schnickschnack bietet da klanglich Abhilfe, steht aber für mangelnden Respekt vor den Nachbarn.

FETTE SCHÜSSE, KNUFFIGE KÄFER
Mit der Zeit und dem Einzug der Digitaltechnik konnte immer mehr Sorgfalt auf die (nicht-musikalische) Tonspur verwendet werden. Die Klangbastler von heute sitzen tagelang am PC und schieben „Wave-Dateien“ hin und her. Derart handhabbar, werden Tonaufnahmen heute geschichtet, gefiltert und gemixt, bis neue Klänge entstehen. Und die werden dringend gebraucht, denn wie Gary Rudstrom, Sounddesigner von „Terminator 2“, meint: „Die Klänge der Alltagswirklichkeit sind nicht interessant genug.“ Und so werden schon mal die Nachhallzeiten von mehreren Schüssen zu einem einzigen zusammengemanscht, um das Ganze „noch fetter“ zu machen. Besonders Zeichentrick- oder Computeranimationsfilme wie „Toy Story“ werden erst durch meisterhaftes Sounddesign so knuffig. In der Pixar-Produktion „Das große Krabbeln“ wurde jede insektische Hauptfigur mit individuellen Fluggeräuschen ausgestattet. Da kombinierte man echte Fliegengeräusche mit Flugzeugmotoren oder brachte durch Pusten ein Blatt Papier zum Flattern, um eine Vielfalt von Insektensurren zu erzeugen.

SUPER-GAU IM KINOSAAL
Der Sound ist so gnadenlos wichtig, dass es bei Strafe untersagt wäre, ihn wegzulassen. Musik ist nicht immer notwendig - manche Filme haben überhaupt keine und sind gerade deswegen Meisterwerke (z.B. Hitchcocks „Die Vögel“ )-; auch Geräusche dürfen komplett verschwinden zugunsten von Musik. Aber Stille ist tabu. Sekundenlange Dunkelheit gibt es in Filmen häufig, wirkliche, absolute Stille dagegen nie. Wenn doch, wie in Kubricks „2001- Odyssee im Weltraum“, sind die Zuschauer irritiert, und nicht wenige tippen auf einen Ausfall der Lautsprecher. Das Resultat einer hundertprozentigen Schallunterschlagung im Film ist absolute Künstlichkeit, mit der man selbst heute noch provozieren könnte. Eine minutenlange Auto-Verfolgungsjagd ohne Ton würde zum größten anzunehmenden Film-Unfall führen: Man würde bemerken, dass man im Kinosaal sitzt, und dann ist es aus. Wenn Hollywood könnte, würde es Kinosäle abschaffen. Aber vorerst reicht das Sounddesign, um uns in Schach zu halten – ohne dass wir es merken.
31.10.2005
WER? - DIE? - - - KELVIN UND DIE GEWERKSCHAFT

Seit ich vor 2 Wochen mit Clamotta für ver.di gespielt habe, ist meine Zuversicht ein klein wenig gewachsen. Ich dachte erst, das kann ja Eiter werden, mit diesen armen linken Nachtgestalten. (Und ich als Degenhardt-Forscher weiß, wovon ich rede!) Aber schon der Komfort des „Bildungshauses“ im hessischen Gladenbach bei Marburg hat mich ahnungslosen Dandy überrascht. Traumhaft auf einem waldigen Hügel gelegen, wartet das Gästehaus mit Hotel-Features der Extraklasse auf. Üppiges Büffet im Frühstücksraum, in dem die FAZ allmorgendlich in jungfräulicher Scham verkümmert. Zimmer mit Dusche, TV und Telefon, mit Kofferbeistelltisch und Bonbon aufm Kissen. Das lässt ja selbst beim Klassenfeind kaum Wünsche offen. Erstaunlich: Hier gibt es nur Einzelzimmer –Solidarität mit dem anderen Geschlecht wird da auf Lippenbekenntnisse beschränkt.

VER.DI LACHT
Ich muss die Gewerkschaftsfunktionäre und ehrenamtlichen Mitarbeiter loben: Die haben tatsächlich Humor. Linke können noch (oder wieder?) über sich selbst lachen.
Stefan und Eva von Clamotta sind direkt von Göttingen hierher gekommen, ich aus Essen, und Nadine von den Kacktussen ist in Würzburg gestartet. Warum sind wir hier? ver.di-isten aus ganz Deutschland haben sich ein Wochenende lang über ihr Verständnis von Bildung und daraus folgende Strategien ausgetauscht. Es ging insbesondere um Jugendarbeit in den Betrieben. Da kann man sich des Abends auch mal etwas Impro-Theater gönnen. Denn was ist das Leben Anderes? Und wie gesagt, das kam an. ver.di hat verstanden. Man muss die Welt mit Leichtigkeit betrachten, dann ist auch die Schwerkraft nicht ständig ein Grund für Och und Aua.

MITGLIED IST BESSER
Beim an die Show anknüpfenden Weintrinken mit Funktionären ließ ich mir auch noch die Vorteile der Mitgliedschaft aufschwa... ich meine, erklären. Und in der Tat, liebe ArbeitnehmerInnen: Es macht Sinn. Das ist eigentlich wie beim ADAC: Man kriegt ein ganzes Bundle an Privilegien und Services. Ich würde da auch mitmachen. Aber ich bin ja kein abhängig Beschäftigter, sondern eine Mischung aus fahrendem Spielmann und mittelalterlichem Handwerker. Und meine Zunft ist die KSK... vielleicht sogar meine Z-uk-unft.

DIE RICHTIGE LÖSUNG
Fest steht: Die GewerkschafterInnen waren gar nicht so eingeschüchtert vom Gang der Dinge, wie ich das befürchtet hatte. Die sind immer noch ein fröhlicher Haufen und klar auf Kurs. Und ich wünsche Ihnen gute Reise. Eines sollte doch immer noch der Anfang aller Überlegungen sein: Wir produzieren heute so viele Werte wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und wenn da irgendwer behauptet, das reiche nicht mehr für alle, dann muss ich doch meine 71er Degenhardt ziehen:
„Denn die richtige Lösung von diesem Problem,
die solln wir vergessen, die solln wir vergessen,
weil die richtige Lösung von diesem Problem
ist für einige, - aber nur für GANZ wenige -
nicht angenehm!“
 
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