Pressekritiken

 
aus: Allgemeine Zeitung, Mainz,  12.04.2006
Leichen auf dem „Highway to Hell“
„Musikpolizist“ Kelvin ermittelt

„Kaum bei Bohlen – schon gestohlen“ lautet ein alter Kalauer. Heute wird in der Szene (per Sampler und Computer) munter geklaut: Hinter fast jedem Pophit steckt ein Verbrechen. Doch Vorsicht: Undercover-Agent Henning S. aus Essen macht sich auf die Spuren der Diebesbanden. Unter dem Decknamen „Kelvin“ enttarnt der letzte aufrechte Bulle der Musikpolizei mafiöse Strukturen. Täglich fliegt er über Boston und Chicago zum finstersten Tokio Hotel, um Originale zu sichern, die verarmten Musikern gestohlen wurden, stellt eitle Popstars an den Pranger und entlarvt originell und perfekt mit Klavier und Mundharmonika ihre größten Hits als musikalisches Diebesgut. Mit „U2 antwortet nicht“ steht er vor seinem größten Fall: Es gilt im Kleinen Unterhaus, Spuren zu sichern und Zeugen zu hören.
Im heruntergekommenen Hausboot von Gunter Gabriel watet er durch Erbrochenes über zerschlagene Whiskyflaschen, findet verrottete Stofftiere betagter Fans, den gefälschten Führerschein für den 30-Tonner sowie die taufrische Demo-Kassette des von Johnny Cash geklauten Songs „Friendly Fire“. In den „X-Files“, den Tagebüchern der Musikpolizei, sind weitere skurrile Fälle verzeichnet, etwa der Tote im Kofferraum auf dem „Highway to Hell“, der mitnichten von AC/DC, sondern von Bluesopa „Harmonica Frank“ stammt, der in den 50er Jahren gerade noch dem Galgen des Ku Klux-Clan entkommen ist.
Dass die Ermittlungsakten um die Rolling Stones Bände füllen, verwundert nicht angesichts der Schwere ihrer Verbrechen. Die Stones haben den Schwarzen den Blues geklaut, und nur mit Not entschlüpften die Alk-Rocker auf Jamaica der Rasta-Fahndung wegen Verherrlichung von Marijuana.
Manche Verbrechen haben eine Jahrhunderte alte Genesis: Phil Collins und Mike Oldfield klauten bei Mozart, Lindenberg bei Shakespeare und HansAlbers bei schwulen Matrosen der Jahrhundertwende. Die zunehmende Brutalisierung zeigt sich nicht nur in der zugespitzten Gewaltverherrlichung der Gangsta-Rapper. Schon bei harmlosen Volksliedern ist die Pest an Bord und schlagen im Frühling die Bäume aus. Auch Goethes Erlkönig gibt es in einer modernen apokalyptischen Variante. Der Konflikt zwischen Gottes Sohn Xavier Naidoo und Moses P. hat ebenfalls eine kriminelle Vorgeschichte: Bereits mit zehn Jahren umgab sich der Rödelheimer Ghetto-Gangster mit minderjährigen „Bitches“ und dealte mit geklauten Kettcars.
Kurzum: Schmidtkes Aberwitz ist gar nicht so weit von der Realität entfernt, wie manche glauben. Er sollte seine Ermittlungen vertiefen. - Alfred Balz 

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